Buchtipps

Sobald die Brettener Landsknechte in ihre Gewänder schlüpfen – oder ihre Waffen zur Hand nehmen – wird ein historisches Bild vermittelt. Man könnte auch von gelebter Geschichte reden.

Und wer sich solcherart mit der Vergangenheit beschäftigt, der greift auch gerne mal zu einem historischen Roman oder einer interessanten Biographie. Ein Blick auf unsere Buchtipps lohnt sich deshalb immer. In lockerer Reihe stellen wir hier abwechslungsreiche historische Lektüre verschiedenster Art vor. Gelesene Geschichte eben…

 

der Edelstein

Manfred Stange (Hrsg.): Ulrich Boner – Der Edelstein

Wir sind in Bern, irgendwann um die Mitte des 14. Jahrhunderts: Dort sitzt Ulrich Boner, Mönch im Orden der Dominikaner und Freund des Johann von Ringgenberg – dem er eine Fabelsammlung zu widmen gedenkt. Eine gereimte Belehrung zu besserem Lebenswandel, könnte man sagen. Ganz, wie es einem Mönch gut zu Gesichte steht.

Weil Ulrich nun aber ein weltläufiger Mensch ist, und zudem auf seine Bildung stolz, werden es am Schluss 100 Fabeln sein, die sich vor allem im 14. und 15. Jahrhundert größter Beleibtheit erfreuen. Denn Boners Buch gehört mit zu den ältesten gedruckten deutschen Büchern überhaupt. Und auch im Bretten des Jahres 1504 waren die vielschichtigen Fabeln sicherlich im Bewusstsein der Menschen verankert.

Es sind Fabeln über Mord und falsche Schönheit, über Verleumdung und freundliche Geschenke – eben die ganze Bandbreite des Alltags, verpackt in „feine Reime“. Wie das Beispiel von den „DRÎN GESELLEN, WÂREN KOUFLIUTE“, einer Fabel, die „Von kundiger einvaltekeit“, also der „klugen Einfalt“ dreier Kaufmannsgesellen erzählt:

Drî gesellen kâmen über ein,
daz ez solt allez sîn gemein,
ir zerung und ir spîse guot;
dar ûf sô stuont ir drîer muot.
5 si wâren über ein des komen,
daz si schaden unde vromen
söltin mit einander hân.

Natürlich wirkt die typische Sprache jener Zeit mitunter recht sperrig. Doch merkt man rasch, dass das Lesen mit ein wenig Übung auch für ungeübte Augen, die sonst eher am Bildschirm oder am Smartphone kleben, leichter wird. Für alle Fälle gibt der Herausgeber Manfred Stange nämlich stets eine vollständige Prosaübersetzung bei, die auf der rechten Doppelseite parallel läuft:

Drei Burschen kamen überein,
daß sie alles miteinander teilen sollten,
ihre Aufwendungen und ihre gesunde Ernährung;
darin waren sie sich einig.
5 Sie waren (auch) darin überein gekommen,
Schaden und Nutzen
gemeinsam zu tragen.

Klar, die Übersetzung in heutige Sprache holpert im Vergleich zur Geschmeidigkeit des Originals ein wenig – aber gerade deshalb spürt man rasch, mit welcher Liebe zum geschriebenen und gesprochenen Wort Ulrich im 14. Jahrhundert zu Werke ging. Dieser ersten, in sich geschlossenen mittelhochdeutschen Fabelsammlung deshalb den Beinamen „Der Edelstein“ zu verpassen, das hat also durchaus seine Berechtigung. Zumal es Boner nicht um dröge Morallehre geht, sondern um die
lebendige Vermittlung pragmatischer Lebensregeln für jedermann: „Dar umb list man ein bîschaft“ (also eine Fabel) guot, daz wîser werd des menschen muot“ schreibt er selbst in seinem Epilog: „Man liest deswegen eine gute Fabel, damit der Mensch in seinem Innern weiser werde.“ Eben!

Leichter wird dies ab sofort durch die im Verlag Regionalkultur erschienene, zweisprachige Ausgabe, die den bis heute gültigen, indes seit 1844 vergriffenen Standardtext Boners erstmals in einer vollständiger Übersetzung bietet: Anmerkungen, Nachwort, Literaturverzeichnis, Register und etliche Abbildungen farbiger Handschriften-Illustrationen gehören natürlich dazu. Weitere Abbildungen finden sich heute auch im Netz, hat doch beispielsweise die „Herzog August Bibliothek in Wolfenbüttel“ ihr eigenes Exemplar von 1461 als Digitalisat der Öffentlichkeit zur Verfügung gestellt – der Link findet sich unten in den Buchdaten.

Vorsicht jedoch beim Durchblättern oder -klicken der einzelnen Seiten: Ruckzuck hat man die Zeit vergessen, so lebendig und anschaulich sind die verschiedenen Blätter. Aber das hatte vermutlich schon Ulrich Boner im Sinn. Damals in Bern, irgendwann um die Mitte des 14. Jahrhunderts …

Manfred Stange (Hrsg.): Ulrich Boner – Der Edelstein. Verlag Regionalkultur Ubstadt-Weiher 2016, 440 Seiten, gebunden, 16 farbige Abbildungen, ISBN 978-3-89735-897-3, 34,80 Euro.

Im Besitz der „Herzog August Bibliothek in Wolfenbüttel“ findet sich die Bamberger Ausgabe von 1461, die digital verfügbar ist: „[E]Ins mals ein affe kam gera[n]t. Do er vil guter nusse vant. Der hette er gesse[n] gerne. … / Ulrich Boner. – [Online-Ausg.]. – Bamberg : [Pfister], [14.II.1461]

Permalink: http://diglib.hab.de/inkunabeln/16-1-eth-2f-1s/start.htm

Heiko P. Wacker

Gewalt und Herrschaft

Stefan Xenakis: Gewalt und Gemeinschaft. Kriegsknechte um 1500

Bei der „Schlacht am Simmelturm“ am Samstag des Peter-und-Paul-Festes darf sie nicht fehlen, die Szene der meuternden Knechte aus dem Fähnlein des Hauptmann Albrecht Schedel. Immerhin wird hier ein sehr dramatisches Beispiel aus dem Kriegsalltag der bedrängten Stadt in Szene gesetzt. Entsprechend gut kann man die bedrückende Enge in der Stadt nachvollziehen – und den Moment, in dem der Unmut über den ausbleibenden Monatssold in blanke Wut der Knechte umschlägt, die sich erst mit Androhung von Waffengewalt befrieden lassen. Dabei war eine Meuterei im frühen 16. Jahrhundert an und für sich keine Seltenheit, wie Stefan Xenakis zeigt.

Kürzlich erschien sein Werk zu „Gewalt und Gemeinschaft“ und zu den „Kriegsknechten um 1500“, wobei er gerade auch in den Dokumenten zum Landshuter Erbfolgekrieg eine reiche Materialbasis fand, um sich diesem wohl verheerendsten Konflikt, den das Reich bis dato gesehen hatte, anzunähern.

In Bretten beklagen sich die meuternden Knechte, sie seien „wie die schaff in eim pferrich“ eingesperrt, wie Schafe in einem Pferch also, während der Ulmer Ratsherr Matthäus Neithardt im selben Jahr 1504 aus dem Krieg nach Hause schreibt: „… liebe Herren, ein unerhörter Krieg ist das“. Nicht selten werden eroberte Flecken, Dörfer oder auch Städte rigoros ausgebeutet und gebrandschatzt, wobei es den Plünderern oft genug nicht alleine nur um den materiellen Gewinn ging, sondern auch um das soziale Prestige. Den Gegner niederzuwerfen, zu töten – das gehört hier zum Kriegsalltag.

Nicht selten setzte ein Knecht zudem nach erfolgreicher Plünderung das solcherart erworbene Hab und Gut beim Spiel ein – und konnte vor seinen Kameraden sogar dann noch brillieren, wenn er auf einen Schlag alles verlor. So widersinnig dieser Verlust aus ökonomischer Sicht gewesen sein mag, so folgerichtig war er aus dem Selbstverständnis der Kriegsknechte heraus, die ihren besonderen Status auch durch derlei erworbenes „soziales Kapital“ erhöhten. Alles „aufs Spiel zu setzen“, das zeugte von Mut und Ehre – und es grenzte die Reihen der Knechte nach außen, zur „normalen“ Gesellschaft ab. Der materielle Bedarf der Söldnerheere war denn entsprechend unermesslich: Beute ging drauf für immer aufwändigere Kleidung oder eben das Glücksspiel, wie der Autor zeigt.

Stefan Xenakis dringt tief in die Jahre um 1500 ein, und zeigt gerade anhand des Landshuter Erbfolgekrieges, wie sehr Meutereien und wildes Plündern an der Tagesordnung waren – wobei beide Phänomene nichts anderes sind als das „zu Geld machen“ eines „Gewaltpotentials“. Denn zugleich kämpfen und sterben die Knechte, wenn es tatsächlich zu einer Schlacht kommt – wobei im Landshuter Erbfolgekrieg eigentlich nur derer zwei stattfanden. Und die waren nicht einmal entscheidend in diesem als Abnutzungskrieg geführten Konflikt.

Doch auch bei taktischen Manövern oder den häufigen Belagerungen ist es die nackte Gewalt, die die Knechte zusammenhält – und das selbst in der Meuterei, die meist von den „Schreiern“ ausgeht, die andere zum Skandieren von Parolen animieren, bis plötzlich innerhalb der Gruppe eine neue Macht hervorbricht, die den Artikelbrief zu ignorieren vermag, und neutrale Knechte bei Todesandrohung ins Glied zwingt. Alleine wegen der detaillierten Beschreibungen, die Stefan Xenakis vom Ablauf solcher Geschehnisse gibt – die in ihrer Dramatik ungeheuer dynamisch sind – lohnt sich die Anschaffung seines Buchs.

Gerade auch der Brettener Meuterei räumt er in seinem strikt durchstrukturierten Werk, das leider nicht ohne manche Wiederholung auskommt, gewissen Raum ein, wobei er die einzelnen Eskalationsstufen gekonnt seziert. Denn der in Bretten ausbleibende Monatssold alleine führt nur zum Unmut – erst, als zwei der Knechte beim Weißhofer Tor von aus der Mauer geschossenen Steinen erschlagen werden, kocht der Zorn über. Denn jetzt ziehen einige der Kameraden zum Haus des Hauptmanns, der ihnen nicht nur den Sold verweigere, sondern sie auch hintergehe, hätten sie sich ihm doch mit „Leib und Leben“ anvertraut. Dass sich Schedel herausreden will – der Sold wäre ja da, nur eben noch nicht in der Stadt – wird niedergeschrien. Dafür wird nun die Trommel gerührt, bis alle Kameraden vor Ort sind, um nun in Schlachtordnung durch die Stadt zu ziehen. Und zwar auf der Suche nach einem geeigneten Platz für die Abhaltung einer „Gemeine“, bei der die Knechte im Kreis stehen, um lautstark zu beraten. So wichtig ist dieser Kreis, dass die Knechte schließlich in einem Gehöft anlanden, weil sie sonst in der engen Stadt keine Möglichkeit und Ruhe vor Schaulustigen finden. Selbst in einer Meuterei gelten eben gewisse Regeln.

Derweil versuchen Obrist Reiffenberg und Ritter Conrad von Sickingen, die anderen Fähnlein in der Stadt in Stellung zu bringen – indes weigern die sich. Statt dessen fragt man nun bei den betuchten Bürgern um kurzfristige Hilfe, die jedoch nur sehr zurückhaltend gewährt wird. Alleine mit Lebensmitteln wollten sie gerne helfen – was die meuternden Knechte wiederum überschreien. Damit ist der Versuch einer Deeskalation gescheitert – nun werden die bewaffneten Bürger formiert und das Geschütz auf der Stadtmauer gegen die Meuterer gerichtet, die letzten Endes klein beigeben. Immerhin ist ans Desertieren, wie es auf dem freien Feld machbar gewesen wäre, nicht zu denken.

Panse Feldbuch der Wundarznei
Das Brettener Beispiel ist sehr gut geeignet, um die Mentalität der Knechte um 1504 zu verstehen. Denn zwar gingen sie für ihren Sold große Risiken ein, wobei Verwundungen nicht als Zeichen von Schwäche, sondern als Beweis von Mut angesehen wurden, wie das Titelbild mit der Skizze von Pauls vom Dolnstein aus dem Jahr 1503 zeigt – er nahm selbst am hier dargestellten Kampf vor dem südschwedischen Schloss Älvsborg teil. Ein ausbleibender Sold hingegen war nicht nur ein materieller Nachteil, sondern beschnitt auch die Ehre der Knechte. Und die war ihnen lieb und teuer, drückte sich in der Ehre doch auch ein gewisser persönlicher „Wert“ aus. Wobei es durchaus auch ehrenhaft war, Feinden den Tod zu bringen. Zimperlich war man nun wirklich nicht.

Dass die Knechte des Albrecht Schedel denn auch in Schlachtordnung durch die Stadt zogen, zeugt wiederum vom speziellen Habitus der Söldner, die solcherart ihre Fähigkeit zur Gewaltanwendung als Aktionsmacht unter Beweis stellen. Und genau deshalb kann man die Geschehnisse jenes Sommers 1504 als Sinnbild einer ganzen (Kriegs)-Epoche werten.

Dies – und noch viel mehr – fasst Stefan Xenakis zusammen. Natürlich geht es immer wieder um Gewalt und Gegengewalt, um Ehre, Rache und Tod. Aber genau deshalb nimmt er den Leser unmittelbar mit in jene Zeit, die alljährlich am Simmelturm in Szene gesetzt wird. Mit anderen Worten: Ein überaus lesenswertes Buch.

Stefan Xenakis: Gewalt und Gemeinschaft. Kriegsknechte um 1500. Verlag Ferdinand Schöningh 2015, 405 Seiten, gebunden, 7 s/w-Abbildungen, 5 Tabellen, erschienen in der Reihe „Krieg in der Geschichte“, Band 90, ISBN 978-3-506-78230-4, 46,90 Euro.
Heiko P. Wacker

Panse Feldbuch der Wundarznei

Melanie Panse: Hans von Gersdorffs „Feldbuch der Wundarznei“ Produktion, Präsentation und Rezeption von Wissen.

Sie ist eine der bekanntesten Abbildungen aus der Zeit der Landsknechte: Der von einem Pfeilschuss verwundete Knecht sitzt gottergeben und mit blanker Brust auf dem Dreibein. Gerade zieht ihm der Feldscher die Pfeilspitze aus dem Fleisch, während die Kameraden im Bildhintergrund fleißig weiterfechten. Auf dass es dem Feldscher an diesem Tag nicht öde werde …

Auch wegen seiner zahlreichen Abbildungen bietet das „Feldbuch der Wundarznei“ des Straßburger Wundarztes Hans von Gersdorff – das 1517 erstmals erschien und bis ins 17. Jahrhundert Verbreitung fand – wunderbare Einblicke in die europäische Wissenskultur an der Gezeitenschwelle um das Jahr 1500. Als das Spätmittelalter zur Frühen Neuzeit wurde.

Das „Feldbuch“ fand zudem in ganz Europa Verbreitung, was sich auch der Qualität des Werks verdankt: Gersdorff gibt selbst an, „in den burgundischen Kriegen zum Wundarzt und Feldscher ausgebildet worden zu sein“, wie Melanie Panse schreibt, die sich im Rahmen ihrer Dissertation mit dem Feldbuch beschäftigt hat.

Das vorliegende Buch, das in der Reihe „Trierer Beiträge zu den Historischen Kulturwissenschaften“ erschien, ist denn auch kein Nachdruck des Originals, sondern eine wissenschaftlich fundierte Studie, die das „Feldbuch“ in historisch-vergleichender Perspektive untersucht. Entsprechend widmet sich die Autorin auch der Frage, wie Wissen in jener Zeit gewonnen, produziert und weitergegeben wurde – das „Feldbuch der Wundarznei“ wird dadurch geradezu zu einem „Vehikel“ für eine Reise in die europäische Wissenskultur an der Epochenschwelle.

Interessant ist auch, wer sich das Feldbuch, das lange Zeit als grundlegendes Werk der europäischen Chirurgie Verwendung fand, anschaffte. Auch dieser Frage widmet sich die Autorin, die darlegen konnte, dass das Werk bis ins 17. Jahrhundert eine breite Leserschaft fand, die selbstverständlich Wundärzte und Gelehrte umfasste, aber auch hochrangige Bürger, Adelige sowie Fürsten.

Auch Ottheinrich, als Kurfürst ab 1556 Landesherr auch der Brettener Bevölkerung, hatte eine Ausgabe von 1540 in seinem Bestand. Gebunden in feines Leder natürlich, und versehen mit seinem Wappen und seinem Monogramm – auch wenn der massige Fürst wohl kaum selbst einen Aderlass vorgenommen oder eine Arznei angemischt haben dürfte. Für ihn war das Buch mehr ein Sammlerobjekt. Gleichwohl hätte er bei Hans von Gersdorff nachschlagen können, wie das mit dem Aderlass so funktioniert …

Panse Feldbuch der WundarzneiMelanie Panse gelingt es ausgezeichnet, das Feldbuch in der Zeit zu verankern – um so auch zu zeigen, wie an der Schwelle zur Neuzeit mit Wissen an sich umgegangen wurde. Dass sie dabei eine gewisse medizinische Vorbildung ihrer Leser voraussetzt, sei nicht unterschlagen. Gleichwohl bietet die Autorin einen mehr als profunden Zugang zu einer Zeit, in der der Feldscher verwundete Knechte zu versorgen hatte, die ergeben und mit blanker Brust auf dem Dreibein sitzen …

Melanie Panse: Hans von Gersdorffs „Feldbuch der Wundarznei“. Produktion, Präsentation und Rezeption von Wissen. Reichert Verlag Wiesbaden 2012, 360 Seiten, Leinen, 65 sw-Abb. auf 63 Tafeln. Erschienen in der Reihe: Trierer Beiträge zu den Historischen Kulturwissenschaften, Band 7, ISBN 978-3-89500-907-5, 59 Euro.

Die Abbildung „Schussverletzung“ zeigt die die Behandlung eines verwundeten Landknechts durch den Feldscher. Die dem besprochenen Buch entnommene Abbildung entstammt ursprünglich: Hans von Gersdorff, Feldbuch der Wundarznei. Nachdruck der Erstausgabe, Straßburg 1517 aus der Leopold-Sophien-Bibliothek Überlingen O6G, Darmstadt 1967, fol. XXXVIIIr.

Für die Genehmigung zur Veröffentlichung im Rahmen dieser Besprechung bedanken wir uns herzlich beim Dr. Ludwig Reichert Verlag in Darmstadt (www.reichert-verlag.de).
Heiko P. Wacker

Arnold Esch: Wahre Geschichten aus dem Mittelalter.Arnold Esch: Die Lebenswelt des europäischen Spätmittelalters

Arnold Esch: „Wahre Geschichten aus dem Mittelalter“ und „Die Lebenswelt des europäischen Spätmittelalters“. Kleine Schicksale selbst erzählt in Schreiben an den Papst.

Die Plünderung Roms im Sommer 1527 – als „Sacco di Roma“ ging das Treiben kaiserlicher Landsknechte und anderer Söldner in die Geschichtsbücher ein – ist ja eigentlich in allen Details bekannt. Und doch kann man auch heute noch neue Facetten entdecken, wie beispielsweise die Bitte eines deutschen Landsknechts um Absolution.
Andreas Dul de Hattimhoff, Priestersohn und selbst Kleriker aus der Diözese Konstanz, berichtet uns von den schrecklichen Zerstörungen, den Massakern und den Vergewaltigungen, die sich eben so ergaben bei den verschiedenen Kriegszügen, die er mitgemacht hatte. Auch in Rom war er natürlich mit dabei – wohl vielleicht auch 1525 in Pavia – wobei er allerdings selbst gar niemanden getötet hat. Sagt, beziehungsweise schreibt er in seinem Brief, mit dem er nur wenige Wochen nach dem Sacco um Absolution bittet. Die brauchte er nämlich, weil er ja nun nach seinem Dasein als Landsknecht doch lieber wieder Priester sein wolle. Und: Er bekam sie auch, die Absolution. Von jenem päpstlichen Amt, das dafür zuständig war, und auch heute noch ist. Die „Sacra Paenitentiaria“, die „Apostolische Pönitentiarie“, ein Art kurialen Gnadenhofs.
An den wendet sich der Mensch des Mittelalters, wenn er ein schlechtes Gewissen hat – oder auch für den Fall, dass man sich beispielsweise für ein Kirchenamt nicht geeignet sieht. So, wie es unserem Landsknecht erging, der auf dem Weg zur Priesterweihe einen Dispens braucht. Weil er nämlich auf dem Schlachtfeld war, ist er vom Empfang der heiligen Weihen ausgeschlossen. Das muss geklärt werden.
Die Pönitentiarie ist aber nicht nur eine dem Papst unterstellte Behörde, sondern auch eine mit einem gewaltigen Archiv. Denn all die gewährten Absolutionen und Bescheide wurden aufbewahrt – und erlauben heute einen faszinierenden Blick in die Zeit um 1500. Wenn man sich die Mühe macht, und die Archive durchforscht, wie es Arnold Esch getan hat. Um zwei seiner Bücher geht es hier.
In diesen lässt er Menschen des späten Mittelalters, die sonst in keiner historischen Quelle zu Wort kämen, ihre kleinen Schicksale erzählen, den Papst um Beistand bittend. So berichtet einer, dass er beim Brand der Stadt einen alten Mann, der ihm aus den Flammen entgegenkam, in seinen Keller aufgenommen habe – um dann selber durch den Hintereingang das Weite zu suchen. Das belastet nun das Gewissen des Priesters, der sich schämt, hat er doch den Erstickungstod jenes Alten zu verantworten. Für den Priester DIE traumatische Begebenheit seines Lebens.
Arnold Esch – er ist Professor für Mittelalterliche Geschichte und war bis zu seiner Emeritierung Direktor des Deutschen Historischen Instituts in Rom; 2011 erhielt er zudem den „Sigmund-Freud-Preis für wissenschaftliche Prosa“ – hat aus Schreiben an den Papst ganze Lebenswelten mittelalterlicher Menschen freigelegt. Dabei liegt sein 2010 erschienenes Buch zu den Fällen aus Deutschland und den Grenzgebieten des Reichs seit 2012 auch als Taschenbuch vor: „Wahre Geschichten aus dem Mittelalter. Kleine Schicksale selbst erzählt in Schreiben an den Papst“.
Kürzlich erschien nun mit „Die Lebenswelt des europäischen Spätmittelalters“ eine Abhandlung jener Schreiben aus den weiteren europäischen Ländern. Von Portugal bis Finnland, von Schottland bis Sizilien. Und natürlich geht es auch hier wieder sehr menschlich zu, geht es um Liebe und Tod, Krieg und Pest, Condottieri und Piraten, Pilgerfahrten und Hexenritte.
Beide Bücher geben einen mehr als lesenswerten Überblick zu den Lebenswirklichkeiten jener Zeit. Denn anders als in der „großen“ Geschichte kommen in den Archiven der Apostolischen Pönitentiarie die „kleinen“ Leute zur Sprache, die wiederum aus ihrer Augenhöhe zu berichten wissen. Immerhin haben sie sich zu rechtfertigen – und das führt zu mitunter weit ausschweifenden Erklärungen. Wie es zu dem Unfall auf der Baustelle kam, zum Streit beim Kartenspiel, zum tragischen Unglück beim Bogenwettbewerb: Arnold Esch hat so manches interessante Detail für uns: ob erste Liebe oder der nicht ganz freiwillige Eintritt ins Kloster, Geldschwierigkeiten oder eine Schlägerei im Wirtshaus, das Scheitern einer Ehe oder die unerfreuliche Begegnung mit Räubern auf der Landstraße. In seinen elegant erzählten Stücken wird das Mittelalter einmal aus allernächster Nähe betrachtet und gerade dadurch ungewöhnlich anschaulich und lebendig.
Übrigens – die Apostolische Pönitentiarie ist noch immer erste Adresse, wenn es um kirchliche Dispense oder Absolutionen geht. Der Bußgerichtshof residiert an der „Piazza della Cancelleria 1“, 00186 Roma, Italien …

Arnold Esch: Die Lebenswelt des europäischen Spätmittelalters. Kleine Schicksale selbst erzählt in Schreiben an den Papst. Verlag C.H. Beck München 2014, 544 Seiten, geb. mit Schutzumschlag und Lesebändchen, 35 Abbildungen, ISBN 978-3-406-66770-1, 29,95 Euro.
Arnold Esch: Wahre Geschichten aus dem Mittelalter. Kleine Schicksale selbst erzählt in Schreiben an den Papst. Verlag C.H. Beck München 2012, 223 Seiten, Taschenbuch, 25 Abbildungen, ISBN 978-3-406-63095-8, 12,95 Euro.
Heiko P. Wacker

Deimer, Weger: Landshut

Landshut: Ein Stadtleben

Wenn die Landsknechte alljährlich während des Peter-und-Paul-Festes ins Kriegsjahr 1504 abtauchen, dann geht es vor allen Dingen um Brettens Belagerung während des Landshuter Kriegs, der geführt wurde um das Erbe Herzog Georgs des Reichen von Bayern-Landshut.
Der nämlich starb am 1. Dezember 1503, was einen schon länger schwelenden Streit innerhalb der Familie der Wittelsbacher zum Flächenbrand machte. Dies hatte manch einer vorausgesehen: So bot sich noch im Juli 1504 Pfalzgraf Philipp, Administrator des Bistums Freising, für eine familieninterne Vermittlungsaktion an, indem er an die zerstrittenen Parteien schrieb: „Wan ir fürsten von Beyrn anander lang umtreibt, so mus es doch zulest mit ewr aller schaden und nachteil gericht werden.“(1) Dass Philipp erfolglos mahnte, ist kein Geheimnis: Die Schäden in der Kurpfalz waren enorm – die Schlacht um Bretten war zu diesem Zeitpunkt ohnedies schon geschlagen. Und vieles, was im Laufe der Jahre errungen worden war, ging verloren, während die finanzielle Schieflage des Landes den Handlungsspielraum auf Jahre hinaus stark einschränkte. Das Landshuter Abenteuer war ein totaler Reinfall, könnte man sagen.
Zurück in der Gegenwart stellt sich nun manchmal die Frage nach der Stadt Landshut, deren Name so leichthin mit einem 500 Jahre zurückliegenden Krieg in Verbindung gebracht wird. Allerdings kennt kaum einer in Bretten die rund 300 Kilometer entfernte 60.000-Seelen-Gemeinde an der Isar, die nicht nur wegen der „Burg Trausnitz“ bekannt ist. Immerhin ist Landshut eine der bedeutendsten historischen Städte Bayerns – auch wenn die glanzvollen Jahre des späten 15. Jahrhunderts mit Georgs Tod schlagartig zu Ende waren: Vor allem die Landshuter Hochzeit, mit der Georg anno 1475 seine Vermählung mit Hedwig Jagiellonica feierte, blieb als herausragendes Ereignis jener Epoche im Gedächtnis. Noch heute bezieht sich die bedeutendste Veranstaltung der Stadt auf diese opulente Feier, mit der wenige Jahre vor dem Erbstreit noch einmal Pracht entfaltet werden konnte. Denn das Jahr 1504 war auch für Landshut eine tiefe Zäsur, wie im vorliegenden Band deutlich wird, der sich ausführlich der Geschichte der niederbayerischen Hauptstadt annimmt – auch wenn der zweite, vom Landshuter Alt-Oberbürgermeister Deimer verfasste Teil des Buchs Brettener Leser weniger ansprechen dürfte als jene aus Bayern.
Den Horizont erweitert der 469 Seiten starke Band trotzdem: Ein Blick über den Brettener Tellerrand hat noch nie geschadet. Immerhin hätte ein Gelingen des Landshuter Abenteuers die alten Ambitionen der Wittelsbacher Kurfürsten aus der Pfalz – die ja auch in Bretten regierten – die Königskrone wieder möglich gemacht. Statt dessen aber hatte Bayern zur Einheit zurückgefunden – und sollte damit für die Zukunft entscheidendes Gewicht erhalten. Auch dies war eine Folge des Landshuter Kriegs. Aber das ist eine andere Geschichte …

Josef Deimer und Ursula Weger: Landshut Ein Stadtleben. Pustet Verlag Regensburg 2013 (2. Aufl.), 469 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag und Lesebändchen, 22 x 17 cm, 60 s/w-Abbildungen, ISBN 978-3-7917-2548-2, 24,95 Euro.

(1): BStaBi München, cgm 5384, fol 7. Zit. nach: Stauber, Reinhard: Die Auseinandersetzung um das Landshuter Erbe als wittelsbachischer Hauskrieg, In: Haidacher, Christoph und Schober, Richard (Hg.), Von Wittelsbach zu Habsburg: Maximilian I. und der Übergang der Gerichte Kufstein, Rattenberg und Kitzbühel von Bayern an Tirol 1504 – 2004: Akten des Symposiums des Tiroler Landesarchivs Innsbruck, 15. – 16. Oktober 2004, Band 12, Veröffentlichungen des Tiroler Landesarchivs, Innsbruck, 2005, ISBN 3 7030 0408 8, Seite 145-159; hier: Seite 145.

Heiko P. Wacker

Knedlik: leonhard muentzer

Leonhard Müntzer: Ein dichtender Kämmerer der Frühen Neuzeit in Amberg. Eine Edition

Manfred Knedlik
Wenn eine Stadt wie Bretten „ihre Geschichte lebt“, dann zeigt sich das in vielen Facetten, dann wird das 16. Jahrhundert in mancherlei Hinsicht lebendig. Möglich wird eine authentische Darstellung jedoch erst durch profundes Wissen – und damit ist längst nicht nur das Kriegshandwerk gemeint. Immerhin war die Frühe Neuzeit auch geprägt von religiösen Umwälzungen, die der Reformation in der Kurpfalz, und damit auch in Bretten, die Bahn brachen.
Und damit wären wir bei der vorliegenden Edition – auch wenn diese aus dem späteren 16. Jahrhundert und zudem aus Amberg berichtet, das aber als geistiges Zentrum der „Oberen Pfalz“ in seiner Wirkung für den deutschen Süden und Südwesten durchaus relevant war. Zudem haben wir hier ein gutes Beispiel für die geistige Entwicklung innerhalb der pfälzischen Gebiete: Im Zeitalter von Humanismus und Reformation erwarb sich die damalige oberpfälzische Haupt- und Regierungsstadt rasch einen Namen. Schule, Bildung, Kunst, Musik, Theater, Historiografie und Buchdruck erlebten, gefördert von der städtischen Führungsschicht, einen beachtlichen Aufschwung.
Greifbar wird dieser auch an einer eher ungewöhnlichen Stelle – in den Amtsrechnungen der Stadtkammer nämlich und den Aufzeichnungen des „Gemeinen Almosens“: Hier hat sich das literarische Werk des langjährigen Ratsherrn und Kämmerers Leonhard Müntzer (1538–1588) erhalten, der über zwei Jahrzehnte hinweg seine „poetischen Nebenstunden“ hinterließ. Geistliche Lyrik, Sinnsprüche, Gebete, Lieder wie auch politische Gedichte geben Einblick in den der Reformation verpflichteten „Kulturbetrieb“ jener Zeit.
Allerdings schlummerte das „literarische Beiwerk“ des begabten Kämmerers bislang als handschriftliche Quelle in den Archiven – der vorliegende Band bietet nun erstmals eine Edition der Texte, wobei ausführliche Stellenkommentare den Zugang erleichtern.
Trotzdem darf der Leser hier keine leichte Lektüre für müßige Stunden erwarten, wurden doch die Texte weitestgehend im eher willkürlichen Stil jener Zeit belassen, um sie für sprachwissenschaftliche Untersuchungen verwendbar zu machen – wie es eben einer Edition zusteht, die keine kulturwissenschaftliche Analyse bieten, sondern lediglich eine schwer greifbare Quelle erschließen soll, die deutlich zeigt, wie wichtig das protestantische Selbstverständnis in den pfälzischen Landen jener Zeit war. Auch das ist nämlich Teil der Geschichte: Auch in Bretten.

Manfred Knedlik: Leonhard Müntzer: Ein dichtender Kämmerer der Frühen Neuzeit in Amberg. Eine Edition. Pustet Verlag Regensburg 2013, 239 Seiten, fester Einband, 22 x 17 cm, 10 s/w- und 16 Farbabbildungen, ISBN 978-3-7917-2528-4, 26,95 Euro.

Heiko P. Wacker

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Die Ehre des Scharfrichters: Meister Frantz oder ein Henkersleben im 16. Jahrhundert

Joel F. Harrington

Das 16. Jahrhundert war in vielerlei Hinsicht eine Ära der Umbrüche – auch in Sachen Justiz und Strafverfolgung. Denn unruhige Zeiten, Kriege und nicht zuletzt „gartende“, also marodierende Landsknechte machten das Leben unsicher – Landesherrschaften oder größere Städte versuchten entsprechend, für die Untertanen zumindest den Anschein von Sicherheit und Ordnung zu erwecken. Leib- oder Todesstrafen waren deshalb nicht nur Spektakel, sondern öffentliche Machtdemonstration. Was aber nur ging, wenn jener, der das Schwert, das Rad oder den Strick einzusetzen hatte, seine Arbeit verstand. Womit wir bei Frantz Schmidt wären, der in seiner beruflichen Laufbahn fast 400 Menschen tötete, unzählige weitere folterte oder verstümmelte.

Ohne, dass ihm eine andere Wahl geblieben wäre.

Denn so wichtig ein gut ausgebildeter Nach- oder Scharfrichter für die frühneuzeitliche Rechtsprechung auch war, so wenig ehrbar war der Beruf. In den wiederum war die Familie Schmidt durch mehr als unglückliche Umstände gestoßen worden, als Heinrich Schmidt, Frantzens Vater, im bayrischen Hof gezwungen wurde, zwei vermeintliche Verschwörer zu hängen: Hof beschäftigte in jenem Jahr 1553 keinen eigenen Henker. Der Protest des ehrbaren Försters war zwecklos. Wollte der zufällig an jenem 16. Oktober greifbare Schmidt das Urteil nicht sofort vollstrecken, würde er selber am Galgen baumeln – auf einen wandernden Scharfrichter, wie er im 16. Jahrhundert durchaus anzutreffen war, wollte der Graf nicht warten. Also griff Heinrich Schmidt zum Strick, vollstreckte das Urteil – und verdammte somit seine gesamte Familie zur Unehrbarkeit.

Denn Henker standen weit außerhalb der angesehenen Gesellschaft: Sie galten „als käufliche, kaltblütige Killer“, waren von Ämtern, Zünften und Bürgerrechten ausgeschlossen, mussten zumeist außerhalb der Stadtmauern leben und waren doch bei einer misslungenen Hinrichtung schnell im Fokus des Pöbels, der sich ansonsten panisch vor „sozialer Ansteckung“ fürchtete. Denn schon die zufällige Berührung durch des Henkers Hand konnte zum Verlust der eigenen Ehre führen.

Die Folge waren regelrechte Henkerdynastien, gab es doch kaum Möglichkeiten, sozial mit anderen Menschen zu verkehren. Auch geheiratet wurde denn zumeist innerhalb des eigenen Umfelds, wobei selbstredend auch die Söhne kaum Chancen hatten, einen anderen Beruf zu ergreifen als eben den des Henkers.

Damit freilich wollte sich Frantz Schmidt nicht abfinden.

Und deshalb kann man seine gesamte Karriere als einen eisern verfolgten Weg zurück in die Ehrbarkeit bezeichnen – was die Existenz seiner von 1573 bis 1617 exakt geführten Aufzeichnungen erklärt, die man nicht direkt als „Tagebuch“ bezeichnen kann, auch wenn er mehr als 45 Jahre lang Buch über seine grausame Arbeit geführt und der Nachwelt damit eine höchst ungewöhnliche Quelle hinterlassen hat. Denn die einzelnen Einträge enthalten nicht nur Datum, Ort und Methode der Exekution, den Namen, die Herkunft und den Stand des Verurteilten, sondern im Laufe der Zeit auch immer mehr Angaben zu den vorliegenden Verbrechen, die zu 361 Hinrichtungen mit dem Schwert, dem Strang oder dem Rad führten, sowie zu 345 Leibstrafen, womit er „mit Ruten ausstreichen“ oder „Ohren schneiden“ meint.

Mit dem makabren Dokument, das bereits im frühen 19. Jahrhundert veröffentlicht wurde, stellt sich Schmidt sozusagen selbst ein Arbeitszeugnis seiner sozusagen „von Gott gewollten“ Tätigkeit aus. Wirklich zum Sprechen bringt Joel Harrington die Aufzeichnungen jedoch erst, indem er noch weitere Aufzeichnungen, beispielsweise aus den Nürnberger Archiven, hinzuzieht.

Dabei wird die „Person Schmidt“, wird das Leben und Wirken des Henkers in vielen Facetten, aber auch in all seinen Widersprüchen spürbar. Immerhin war der Scharfrichter, wie in jener Zeit durchaus üblich, auch als Mediziner tätig. So hatte er nicht nur gefolterte Delinquenten zu heilen, auf dass diese gesund zur Richtstätte marschieren – sondern behandelte auch ganz „normale“ Mitbürger. Dass sich hier scheinbar ein Widerspruch auftut zwischen der Angst vor „sozialer Infektion“ und dem geschätzten Wissens eines Henkers mit heilenden Händen, das ist ein gutes Beispiel für den Zwiespalt, in dem der Nürnberger Scharfrichter lebte. Immerhin hätte er mit so manchem als Amulett beliebten Körperteil eines Hingerichteten gutes Geld verdienen können, während das Blut eines Enthaupteten bei Epilepsie helfen sollte.

Allerdings gab sich Schmidt alle Mühe, um bloß nicht in die Nähe schwarzen Aberglauben gerückt zu werden, und beschränkte seine Heilkünste wohl auf Aspekte wie das Einrichten von Knochen oder die Wundversorgung. Zudem bemühte sich der – immerhin sehr gut bezahlte – Nürnberger Nachrichter mit seinem vorbildlichen, gottesfürchtigen Lebenswandel um das Idealbild des emotionslosen Henkers, der alleine aus diesem Grund abstinent war, und schon damit eine Ausnahme in jener Ära großer Trinker.

Im Laufe seiner Karriere, die er mit seinen Aufzeichnungen sauber dokumentierte, gelang ihm tatsächlich der soziale Aufstieg – alleine die Nürnberger Bürgerrechte, die er erlangen konnte, sind hier ein gutes, ja regelrecht spektakuläres Beispiel.

Das Buch „Meister Frantz oder ein Henkersleben im 16. Jahrhundert“ ist jedoch mehr als die Autobiographie, die zudem ohne herablassenden Voyeurismus auskommt. Es ist ein großes Fenster in die Sozial- und Gesellschaftsgeschichte des 16. Jahrhunderts, das der Professor für Europäische Geschichte an der Vanderbilt University in Nashville, Tennessee hier aufstößt. Denn so extrem das Leben eines Scharfrichters auch gewesen sein mag, so legt es doch beredtes Zeugnis ab von den damaligen Verhältnissen und Lebenswirklichkeiten.

Joel F. Harrington: Die Ehre des Scharfrichters: Meister Frantz oder ein Henkersleben im 16. Jahrhundert. Siedler Verlag München 2014. Originaltitel: The Faithful Executioner. Life and Death, Honour and Shame in the Turbulent Sixteenth Century (Originalverlag: Farrar, Straus and Giroux). Aus dem Englischen von Norbert Juraschitz, 403 Seiten, Taschenbuch, 13,5 x 21,5 cm, ISBN 978-3-8275-0021-2, 24,99 Euro.

Heiko P. Wacker

 

abc

Das Landsknechts-ABC – Jubiläumsschrift für das Fest-Jahr 2008

Birgit Kafka (Hrsg.)

Jubiläumsschrift der Landsknechtsgruppe Bretten

zum 55jährigen Bestehen der Gruppe und 30 Jahre e.V.

Birgit Kafka, Klaus Huss, Bastian Gretenkord, Marion Brunner, Florian Hättich, Werner Seidenspinner, Anneka Huss, Hermann Fülberth, Volker Traut, Ulrich Hohmann, Reinhold Klein, Benjamin Farr, Oliver Portugall, Brigitte Lindenberger, Günter Holy, Ulrich Beyle und mit Unterstützung von vielen anderen Mitgliedern der Landsknechtsgruppe und anderen Aktiven des Peter-und-Paul-Festes. Mit einem Vorwort von Peter Beyle.

Sind „moderne“ Landsknechte weit und breit die größten Saufköpfe, Freßsäcke, Raufbrüder, Zechpreller und Betreiber jener unaussprechlichen Sachen, die zu benennen mir der Anstand verbietet? Wer Eure Jubiläums-Broschüre liest, kann darauf nur mit einem entschiedenen „Jein“ antworten. Und das Schöne daran ist, man kann niemandem böse sein. Man? Nein auch Frau, denn die ebenso wilden Weiber haben sich in dem Verein ihren festen Platz erobert und geben den auch nicht wieder frei, da wird auch vom Recht auf sinnlose Gewalt Gebrauch gemacht.

Aber das Büchlein hat ja noch viel mehr zu bieten, schließlich berufen sich die Brettener Landsknechte auf Vorfahren, die vor einem halben Jahrtausend diesen und andere Landstriche unsicher gemacht haben. Zuerst haben die Württemberger den verdienten Nasenstüber bekommen, danach auch andere Fürstenheere und schließlich sogar die Schweizer. Und wie haben die das alles gemacht? Ja, das erfährt man in den vieldutzend Artikeln. Von der Bekleidung (und den Irrungen und Wirrungen, bis man/frau das Richtige gefunden hatte), über die Bewaffnung bis zu dem, was der Landsknecht, respektive die Marketenderin noch so alles braucht, steht alles drin.

Der größte Vorteil dieser Broschüre liegt darin, dass man sie bequem in die Hosentasche stecken und sie sich immer mal wieder wie ein Brevier oder ein Stundenbuch vornehmen kann. Der zweitgrößte, aber mindestens ebenso wichtige Vorteil liegt darin, dass die Redaktion in einer Hand lag und so eine Einheitlichkeit gegeben ist, so dass man sich nicht bei jedem Artikel wieder an einen neuen Stil gewöhnen muss. So vermag man/frau, und das ist der dritte wichtige Vorteil, das Büchlein beiseite zu legen und das Unerhörte/Amüsante/Freche/Lehrreiche, was man gerade erfahren hat, in sich sacken zu lassen, um Stunden oder Tage später die Lektüre dort wieder aufzunehmen, wo man sie zuletzt verlassen hat. Und es fällt einem nicht schwer, sich gedanklich wieder hineinzufinden. Fünftens sei unbedingt erwähnt, dass man diesen Traktat auch mehrmals lesen kann. Und sechstens sei der unerhört günstige Preis hinausgeschrieen zu allen, die bislang noch taub dagegen waren. Die 5 Euro sind kein Preis, sondern ein Almosen und können niemals nicht die Mühe wettmachen, die dort hineingesteckt wurde.

Und wer den Band noch nicht gekauft hat, ist ein gemeiner Hundsfott und soll zur Strafe mit dreitägigem Verbot der aktiven Saufkopferei, Freßsackerei, Raufbrüderei, Zechprellerei und jener unaussprechlichen Sachen, die zu benennen mir der Anstand verbietet, bestraft werden! Jawoll!

Macht weiter so, und bringt noch 100 solcher Traktate heraus!

Marcel Bieger

P.S. Und warum nur ein „Jein“ für die Landplage Landsknechte? Weil Ihr ja auch noch sooooo viele gute Eigenschaften habt, die ich hier gar nicht alle aufzählen kann – um die zu erfahren, muss man die Nase schon selbst ins Landsknechts-ABC stecken.

 

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Stolz und Sturm Ein Bodensee-Roman über die Zeit der Bauernkriege

Walter Laufenberg

Wer gerne an den Bodensee fährt, und sich rund um den Überlinger See – der nordwestlichen Gabel des Bodensees – ein wenig auskennt, wird mit der Ruine ‚Alt Bodman’ durchaus etwas anzufangen wissen. Immerhin ist die im Dreißigjährigen Krieg zerstörte Burg eine der wichtigeren Sehenswürdigkeiten in der Gegend von Überlingen und Radolfzell. Zudem weiß – und das gehört ja irgendwie zu einer ‚echten’ Burg – die Familiengeschichte der Grafen von Bodman von einer schaurigen Begebenheit zu berichten, löschte doch ein Blitzschlag während eines Familienfestes im Jahr 1307 fast die gesamte Sippe aus. Nur der einjährige Johannes wurde von seiner Amme gerettet – sie ließ den Stammhalter in einen Kessel über die Burgmauern hinunter in die Sicherheit kullern. Später stiftete der solcherart Gerettete aus Dankbarkeit den Platz, auf dem die Burg seiner Väter stand, dem Kloster Salem. Die heutige Burgruine auf dem Nachbarberg, eben die Ruine Alt Bodman, ist die zweite Burg der Herren von Bodman. Sie wurde im Dreißigjährigen Krieg zerstört. Heftig bedrängt wurde sie jedoch schon während des Bauernkrieges – was uns bereits mitten hineinführt in die Handlung des Romans von Walter Laufenberg.

Denn der Mannheimer Autor gab sich für seinen ‚Bodensee-Roman über die Zeit der Bauernkriege’ – wie er sein Werk selbst nennt, ausgesprochen große Mühe mit den historischen Tatsachen, die den Rahmen bilden seiner Handlung, in deren Mittelpunkt der Schmied Mattes steht, der – so viel sei an dieser Stelle verraten – enger mit seinem Leibherrn verwandt ist, als man ahnen könnte. So liegt denn der größte Reiz der 222 Seiten in der dichten Verquickung historisch belegter Tatsachen aus der Zeit des Bauernaufstands am Bodensee, im Hegau und im Schwarzwald mit dem hautnah spürbaren Alltagsleben der normalen Menschen aus dem Volk, das in den Geschichtsbüchern sonst keinen Platz findet.

Ob es sich hierbei nun um die beiden Leibeigenen Max und Othmar handelt, die im Heer der Bauern zu Kameraden werden, um die Furcht in der Bevölkerung vor den herannahenden Truppen der Aufständischen oder um eine hübsche Fischerwitwe – stets zeichnet Laufenberg seine Figuren mit viel Liebe zum Detail, und bringt so die nüchternen Geschichtsdaten zu Schlachten oder anderen Ereignissen jener Zeit zum Sprechen. Dass das zentrale Schicksal des Schmieds am Ende fast ein wenig zu überstürzt in ein glückliches Ende mündet, tut dem Lesevergnügen hierbei nur geringen Abbruch.

Walter Laufenberg: Stolz und Sturm. Ein Bodensee-Roman über die Zeit der Bauernkriege. Verlag Regionalkultur Heidelberg, Ubstadt-Weiher, 222 Seiten, fester Einband, ISBN 3-89735-448-9

Heiko P. Wacker


renaissance

Das 16. Jahrhundert Europäische Renaissance

Hildegard Kuester (Hrsg.)

Die Zeitenwende

Auf der Suche nach einer vernünftigen Grenze zwischen dem Mittelalter und der Neuzeit entschied sich die Wissenschaft schon vor langem für das Jahr 1500 – obwohl natürlich ein einzelnes Jahr niemals zwei Epochen trennen kann. Jedoch fanden um 1500 einige ganz wesentliche Entwicklungen statt, die für grundlegende Umwälzungen sorgten: 1492 segelte Kolumbus nach Amerika, 1512 erschütterte der kopernikanische Entwurf eines heliozentrischen Weltbilds die Gesellschaft und fünf Jahre später begann die Reformation, die in der Person des Philipp Melanchthon auch eng mit Bretten verbunden ist. Allerdings bewirkten diese drei Elemente erst mit einiger Verzögerung grundlegende Umwälzungen.

“Nicht die Entdeckung Amerikas und der neuen Seewege als solche beendete das Mittelalter (Leif Erikson landete bereits um 1000 in Nordamerika, und 1271 bereiste Marco Polo China), epochal war vielmehr die Kolonisierung der entdeckten Länder, mit der die westeuropäischen Staaten das Zeitalter globaler Politik eröffnen, und mit der die bis heute andauernde, wenn auch nicht mehr fraglos hingenommene Vorherrschaft der westlichen Kultur begründet wurde,” bringt Benedikt Konrad Vollmann (Universität München) ein Beispiel zu den Folgen damaliger Entwicklungen vor. Sein Beitrag zum Sammelband ‚Das 16. Jahrhundert – Europäische Renaissance’ – ist deshalb eine deutliche Ansage: Wollen wir unsere eigene Gegenwart verstehen, müssen wir die Umwälzungen kennen, die sich in der Wende vom Mittelalter zur Neuzeit vollzogen.

Und das waren nicht wenige, wie der von Hildegard Kuester herausgegebene Sammelband deutlich macht. Hier wurden elf Texte namhafter Autoren vereint, die auf einer Vortragsreihe der Universität Eichstätt basieren, und sich mit den herausragenden Ereignissen der Europäischen Renaissance und den Umgestaltungen des ptolemäischen Weltbildes, der Revolution im Glauben, der Rolle der Humanisten bei der Reform von Gesellschaft und Kirche sowie den vielfältigen Strömungen im Bereich der Literatur und Kunst beschäftigen.

Resultat war eine Sammlung anspruchsvoller Beiträge zu einem Jahrhundert, das wie kein anderes einen Schwellencharakter hat. Besonders deutlich wird dies bei Hans Rudolf Picards Artikel ‚Don Quijote oder vom Sinn und Unsinn eines scheiternden Helden’. Nicht nur wird dem Leser hier eine präzise Handlungsanalyse des Klassikers von Cervantes geboten – der nach der Bibel das am zweithäufigsten übersetzte Buch ist – sondern auch ein guter Einblick in die Veränderungen jener Zeit. Denn Don Quijotes Wahnideen, er sei als edler Ritter berufen, die Welt von allem Übel zu befreien, sind mehr als humorvolle Phantastereien – man denke dabei nur an den in einer Spelunke für den Verrückten inszenierten Ritterschlag. Hier wird auch vielmehr deutlich, dass die Zeit des Rittertums endgültig vorbei ist, spielt doch Cervantes gekonnt mit den monumentalen Ritterepen der Vergangenheit und macht diese regelrecht lächerlich.

Vielleicht kann man deshalb sagen, dass das Mittelalter 1499 endete, und 1500 die Neuzeit begann. Man muss indes auch akzeptieren, dass die Menschen dies erst einige Zeit später wirklich wahrnahmen. Alleine um dies zu sehen lohnt der Blick in das 16. Jahrhundert, in die Europäische Renaissance – und in das von Hildegard Kuester herausgegebene Buch.

Hildegard Kuester (Hrsg.): Das 16. Jahrhundert. Europäische Renaissance. Eichstätter Kolloquium Bd. 2, Friedrich Pustet Verlag Regensburg, 215 Seiten, kartoniert ISBN 3-7917-1468-6

Heiko P. Wacker

 

mythen

Mythen Europas – Schlüsselfiguren der Imagination

Band 2: Mittelalter

Inge Milfull und Michael Neumann (Hrsg.)

Über die Wirkung historischer Bedeutungsträger des Mittelalters

Schon immer neigten die Menschen dazu, wichtige historische Ereignisse mit bestimmten Persönlichkeiten zu verknüpfen – um auf diese die Hoffnungen und Wünsche, die Ängste und Sorgen des Daseins zu projizieren. Meist wurden auch zahllose Anekdoten und Mythen gesponnen, die zwar mit der Realität nicht immer viel gemein hatten – aber doch geeignet sind, im Sinne einer kollektiven Erinnerung tiefen Einblick in die jeweilige Epoche zu geben. Denn letztlich ist es überaus interessant zu sehen, was genau die Faszination bestimmter historischer Figuren ausmachte – und worin sich der Erfolg solcher ‘Schlüsselfiguren der Imagination’ begründete.

Dieser Frage geht derzeit eine Vortragsreihe der Katholischen Universität Eichstätt nach, die sich von Semester zu Semester in der Zeitschiene der Geschichte voranbewegt, um anschließend in gedruckter Form ein letzten Endes siebenbändiges Gesamtwerk zu füllen. Nach dem ersten Band, der der Antike gewidmet war, erschien nun der Titel zum Mittelalter, an dem unter anderem Roswitha Wisniewski mitwirkte, die in Heidelberg als Professorin für Ältere deutsche Literatur tätig ist. Ihr Beitrag widmet sich unter dem Titel ‘Maria, Notre Dame’ dem Mythos Maria und ihrer Verehrung in Texten des 9. bis 13. Jahrhunderts. Immerhin handelt es sich bei der Gottesmutter um eine der zentralsten Figuren des christlichen Glaubens. “Namen wie ‘Unsere liebe Frau’, ‘Notre Dame’ kennzeichnen ihre überragende Stellung und die vertrauende Hochachtung, die sie bei den Menschen erfährt.” Um die Bedeutung des Anteils Marias am christlichen Glaubensleben zu erklären, verweist die Autorin auf eine gerne zitierte Feststellung des Theologen Karl Rahner: “Die Geschichte der Marienverehrung ist die Geschichte des Wachstums des Glaubensbewusstseins der Kirche.”

Im Anschluss daran wendet sich Roswitha Wisniewski einer fundierten Darstellung Marias in den Evangelien zu, die den ‘Mythos Maria’ begründeten. Sehr genau untersucht die Autorin hierfür die entsprechenden Quellen, und stößt den Leser immer wieder auf interessante Sachverhalte, wie es das Beispiel der überlieferten Zustimmung Marias zu ihrer Empfängnis verdeutlicht. Maria selbst gibt mit den Worten ‘Ich bin die Magd des Herrn; mir geschehe, wie du gesagt hast’ (Lukas 1, 26-38) ihre ausdrückliche Zustimmung, was Roswitha Wisniewski als ein ebenso starkes wie bedingungsloses Votum für den Glauben sieht – welches Maria zum eifrig bekennenden Vorbild macht, und ihre heilsgeschichtliche Stellung deutlich markiert. Im 12. Jahrhundert dann, als das Abendland von einer heute nur schwer nachvollziehbaren Welle religiöser Begeisterung erfasst wurde, wandelte sich das Bild, wurde Maria “als Braut Gottes gesehen und als Vorbild für gottgeweihte Jungfrauen wie für verheiratete und verwitwete Frauen, die sich dem klösterlichen Leben geweiht haben, und schließlich als Leitbild für alle Menschen, die ein Gott wohlgefälliges Leben führen wollen.”

Und es waren nicht wenige Menschen des Mittelalters, die der Schutzheiligen des Reiches nacheiferten. Zudem wurde die Marienverehrung seit dem 12. Jahrhundert auch in der deutschen Dichtung spürbar. So versucht beispielsweise das um 1140 entstandene Arnsteiner Marienlied – eine der ältesten deutschsprachigen Mariendichtungen überhaupt – “das Geheimnis der jungfräulichen Geburt durch den Vergleich mit dem Glas zu erläutern, das unverletzt bleibt, obwohl das Licht hindurchdringt”. Man mag über solche Vergleiche denken was man will – man kommt jedoch nicht ohne sie aus, will man die Mentalität des Mittelalters – und wie sich diese veränderte – auch nur ansatzweise verstehen. Immerhin erfuhr gerade das Marienbild im Laufe der Jahrhundert eine nicht unerhebliche Wandlung. So entsprach die erhabene Gottesmutter und königliche Herrin der althochdeutschen und altsächsischen Jahrhunderte noch voll und ganz dem “Bedürfnis der Menschen in jener Zeit, die auf starke Überlegenheit und Führungskraft Christi und seiner Mutter bauten, auch um ihres Schutzes und des Sieges in der Auseinandersetzung mit dem Heidentum gewiss sein zu können”. Während der Zeit der ersten Kreuzzüge rückten dann die Symbole der jungfräulichen Gottesmutterschaft in den Vordergrund – als Argumentationshilfe gegen die Ungläubigen, während das 12. Jahrhundert ein ‘Marienleitbild’ für religiös empfindsame Menschen konstruierte.

Gerade an der Christusmutter wird die mythische Überblendung deutlich, mit der historische Figuren den jeweiligen Bedürfnissen einer Epoche angepasst wurden. Ganz ähnlich verhielt es sich auch bei den diversen anderen Persönlichkeiten, die in den weiteren Texten des interessant zu lesenden Buches vorgestellt werden. So gilt denn im übertragenden Sinn auch für Karl den Großen, Martin von Tours, Franziskus von Assisi oder Gottfried von Bouillon – den Führer des Ersten Kreuzzugs und Königs von Jerusalem, was Roswitha Wisniewski ihrem Beitrag als Schlusswort mit auf den Weg gab: “So wird in den wenigen Texten, die hier behandelt werden konnten, sichtbar, wie sehr der Mythos der Gottesmutter Maria von den Menschen der verschiedenen Epochen ihren Bedürfnissen und ihren Idealen entsprechend in ihr Leben hineingenommen wurde.”

Jede der für das Mittelalter ausgewählten Figuren stellt das Buch in ihrer überregionalen und überzeitlichen Ausstrahlung dar – ohne die Bedingungen, die ihre Faszination und ihren Mythos erst ermöglichten, außen vor zu lassen. Dabei gefällt vor allem der interessante Ansatz der Vortragsammlung, einmal weniger die Biografie bestimmter Personen darzustellen, als vielmehr ihre Wirkung, die sie in ihrer Rolle als Bedeutungsträger historischer Ereignisse und Epochen innehatten – und mitunter noch immer haben. Denn nach wie vor neigen die Menschen dazu, wichtige geschichtliche Ereignisse mit bestimmten Persönlichkeiten zu verknüpfen…

Inge Milfull und Michael Neumann (Hrsg.): Mythen Europas – Schlüsselfiguren der Imagination. Mittelalter. Friedrich Pustet Verlag Regensburg 2004, 252 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag ISBN 3-7917-1913-0

Heiko P. Wacker

 

himmels

Der Himmelsstürmer – Ottheinrich von Pfalz-Neuburg (1502 – 1559)

Klaus Reinhold

Er verkörperte seine Epoche wie kaum ein anderer: Ottheinrich

In Heidelberg kennt man ihn vor allem wegen seines Palasts, dessen Fassade im Geviert des Heidelberger Schlosses steht. Und das ist auch ganz passend, kann man doch Ottheinrich durchaus als baubegeisterten Herrscher bezeichnen, der sowohl Heidelberg wie auch seine vorherige Residenz in Neuburg mit prachtvollen Bauten bedachte – und beiden Städten ihren ganz eigenen Ottheinrichbau schenkte. Doch nicht nur mit Gebäuden beschäftigte sich der beleibte Herrscher. So regte er beispielsweise auch zahlreiche Buchprojekte an, und ließ unter anderem das erste deutsche Neue Testament – das hundert Jahre vor Martin Luther begonnen worden war – vollenden. Zugleich liebte er die Frauen und den Wein, ging in jungen Jahren auf Kavalierstour nach Spanien – aber ebenso auf Pilgerfahrt ins Heilige Land. Überhaupt stand der Glaube für den Wittelsbacherspross trotz allen Luxus stets im Fokus des Interesses – wobei er sich recht früh auf die Seite der Reformation schlug, was ihn unter anderem sein Fürstentum kosten sollte. Dass er es später wieder erlangen konnte – und darüber hinaus noch den kurfürstlichen Thron in Heidelberg besteigen durfte – ist Sinnbild des turbulenten 16. Jahrhunderts wie seines Lebens gleichermaßen.

Einer Biographie zu Ottheinrich den ins Auge stechenden Titel “Der Himmelsstürmer” zu geben, macht insofern durchaus Sinn. Denn stets dachte er in großen Bahnen – ungeachtet aller Realitäten. Und genau dieses auf und ab des Lebens ist es, was Klaus Reichold in seinem Buch besonders gut herausarbeitet. Denn das Glück hatte Ottheinrich längst nicht immer auf seiner Seite, so dass dem 1502 Geborenen manche Schicksalsschläge nicht erspart blieben: Er ging bankrott, verlor seine Gemahlin und evangelisch geworden auch sein Fürstentum. In der Abgeschiedenheit des Exils in Weinheim an der Bergstraße – als Fürst ohne Land politisch kaltgestellt – nutzte er die Zeit zur Suche nach seelischem Halt beschäftigte sich mit verschiedenerlei Dingen, für die er zuvor nur wenig Zeit gehabt hatte. “Von seinem Studierstüblein aus erschloss er sich die Welt der noch jungen, ständig von neuen Erkenntnissen befruchteten Anatomie; er vertiefte sich in die Wappenkunde; er versuchte sich in Hebräisch und, mechanisch begabt, als Uhrmacher; er las Werke über die zeitgenössische Architektur und studierte die Fassadenentwürfe florentinischer Palazzi; er sammelte Kartenwerke, Reisbeschreibungen und Holzschnitte topographischen Inhalts; er widmete sich der Länderkunde und der Kosmographie; er ergänzte die bereits in Neuburg begonnene Münzsammlung um Abdrucke und kostbare Originale aus der griechischen und römischen Antike; er legte westlich des Weinheimer Schlosses einen Garten an, in dem – nach Neuburger Vorbild – wieder allerlei Exotica wie Auberginen und Pomeranzen wuchsen.” Daneben stürzte sich der auf Horoskope versessene Ottheinrich auf die Astrologie, hoffte er doch, aus den Sternen lesen zu können, wann sein eigener wieder nach oben steigen würde. Und tatsächlich wendete sich das Blatt noch einmal: 1556 wurde Ottheinrich als Nachfolger seines Onkels Kurfürst von der Pfalz. Inzwischen zwar extrem übergewichtig – aber noch immer voller Elan – machte er Heidelberg zur Metropole des deutschen Humanismus und legte den Grundstock für die legendäre Bibliotheca Palatina, die reichste Schatzkammer des gelehrten Deutschland.

Mit dem Krieg hingegen hatte Ottheinrich nicht viel am Hut – obgleich er in jüngeren Jahren körperlich durchaus noch in der Lage war, selbst an Turnieren teilzunehmen. Zwar ließ er für seinen Onkel Friedrich zwei tausendpfündige Geschützrohre gießen, die als imposante Ausstellungsstücke noch heute im Hof des Neuen Schlosses in Ingolstadt besichtigt werden können, und gegen den Angriff des türkischen Sultans Suleiman rüstete er gar selbst und auf eigene Kosten. Doch so ganz erfolgreich war dieser Kriegszug mit 60 Mann und 51 Pferden nun wirklich nicht: “Schon am zweiten Tag ging Ottheinrichs Floss zu Bruch, mit dem er Wien zu erreichen gedachte. Der Wagen, den er hierauf bestieg, brach hinter Kelheim und bescherte nicht nur Ottheinrich, sondern auch seinem Rat Bern von Hürnheim, dem Barbier und einem Edelknaben blaue Flecken. Jetzt ließ sich die Fahrt nur noch auf einem requirierten Mistkarren fortsetzen. Allzuweit kam die pfalz-neuburgische Kriegstruppe aber auch damit nicht. Schon vor Passau zogen ihnen Landsknechte und Berittene entgegen, ‘die schrieen: Kert wieder umb, es hot das gantz kriegsvolck urlaub’. Der Feldzug war nämlich schon wieder vorbei.” Ohnehin waren aber Ottheinrichs Talente auf ganz anderem Feld zu finden. So war er stets – nicht nur während seines Weinheimer Exils – auf der Suche nach raren Büchern und gab ein Vermögen für Prunkrüstungen aus.

Auf der anderen Seite hatte er jedoch auch düstere Tage zu erleiden. So blieben die Versuche, mit Kuren den – vor allem am Übergewicht liegenden – Leiden beizukommen, weitestgehend erfolglos, während ihn die Geldsorgen stets große Probleme bereiteten. Ein manches Mal wird er sich mit seinem allgegenwärtigen Leitspruch ‘Mit der Zeyt’ motiviert haben – auch wenn dieser Aspekt im vorliegenden Buch erst weit nach der Hälfte der rund 230 Seiten zur Sprache kommt. Vielleicht dachte sich Klaus Reichold, dass solch ein phlegmatisch scheinendes Lebensmotto nicht recht zu einem ‘Himmelsstürmer’ gepasst hätte. Doch da hätte sich er Autor keine Gedanken machen müssen. Denn Ottheinrich war durchaus ein Himmelsstürmer. Doch wusste er zugleich, dass auch den Himmel einzunehmen seine ‘Zeyt’ braucht.

Ob Ottheinrich am Ende – das nahende Ende vor Augen – innerlich resigniert hat, lässt sich nicht mit Bestimmtheit sagen. Jedoch fehlt sein Lebensmotto an seinem Heidelberger Ottheinrichbau, der doch ansonsten mit unzählige Büsten und Reliefs geschmückt wurde. “Aber Ottheinrich hatte sein Ziel ja auch erreicht: ‘Mit der Zeit’ war er doch noch auf den Kurfürstenstuhl in Heidelberg gekommen, um sein Lebenswerk mit einem beispiellosen Engagement für Kunst und Wissenschaft zu krönen.” Doch schließlich verließen ihn die Kräfte, wurde er von Zeitgenossen ob seiner Fülle sogar als Gestalt bezeichnet, die einem Monstrum mehr ähnelte denn einem Menschen. Ottheinrich selbst versuchte seinen körperlichen Verfall dabei gar nicht zu beschönigen. So gab er 1556 eine Alabasterbüste in Auftrag, die “seine Hinfälligkeit in aller Ungeschminktheit zur Schau stellt”. Zu solch einer Größe war kein anderer Fürst dieser Epoche im Stande.

Ottheinrich starb am 12. Februar 1559 in Heidelberg. Und mit der Beschreibung der letzten Tage beschließt denn auch Klaus Reichold sein Buch, das man in seiner Summe als sehr gelungene Biographie bezeichnen muss. Entlang der Chronologie behandeln der Autor und seine beiden Mitwirkenden in der nötigen Tiefe die Lebensabschnitte des Wittelsbachers und arbeiten sehr geschickt dessen Ambitionen und Wünsche heraus. Zwar hätte dies auch mit einem stärkeren Fokus auf das fürstliche Motto ‘Mit der Zeyt’ geschehen können, das ein wenig zu sehr in den Hintergrund rückte. Doch tut dies dem spannend und unterhaltsam zu lesenden Buch keinen Abbruch, weshalb man die Lektüre durchaus empfehlen kann. Denn eigentlich ist es schade, dass man Ottheinrich fast nur wegen eines Palastes kennt, dessen Fassade noch immer im Geviert des Heidelberger Schlosses steht…

Klaus Reinhold: Ottheinrich von Pfalz-Neuburg (1502 – 1559). Unter der Mitarbeit von Petra Raschke und Markus Nadle Verlag Friedrich Pustet Regensburg 2004, 232 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag ISBN 3-7917-1911-4

Heiko P. Wacker

Noch heute kann man die zwei Kartaunen ‚Scherer’ und ‚Schererin’ mit über neun Tonnen Gesamtgewicht in Ingolstadt besichtigen. Ottheinrich hatte sie 1524/25 in Neuburg für seinen früheren Vormund Friedrich gießen lassen. Die kunstvoll mit Reliefen gestalteten Geschütze zählen nicht nur wegen ihrer Größe zu den wichtigsten Sehenswürdigkeiten des Bayrischen Armeemuseums in Ingolstadt. Das bei einem Bombenangriff zerstörte Geschützrohr demonstriert die Massivität der beiden Kartaunen, während das Portrait „FRIEDRICH VON GOTTES GNADEN – PFALCZGRAF PEI REIN – HERCZOG IN PAIRN“ die hohe Kunstfertigkeit des frühen 16. Jahrhunderts unter Beweis stellt.

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(Bilder: Heiko P. Wacker)

 

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